Es ist Freitag. Eine anstrengende Woche mit Dienstbesprechungen, Außenterminen und Alltagsturbulenzen geht hoffentlich ruhig zu Ende. Am Wochenende habe ich Leitungsrufbereitschaft. Mal schauen, was da passiert. Zuvor bin ich heute Abend aber noch zum Geburtstag meiner besten Freundin eingeladen. Ihr Geschenk liegt schon fertig verpackt bereit. Beruhigend. Also starte ich kurz nach sieben mit der Arbeit. Will am Vormittag den Papierkram der vergangenen Woche bearbeiten, um dann… Bereits das erste Telefonat kurz nach halb acht wirbelt alle Pläne durcheinander.
Eine Mitarbeiterin aus dem begleitenden Dienst meldet sich arbeitsunfähig. Parallel dazu steht die examinierte Pflegefachkraft von Wohnbereich 1 in der Tür. Die zweite Krankmeldung, ebenfalls aus dem begleitenden Dienst. Beide waren für die Arztbegleitung zweier Bewohner eingeteilt und auch die Frühstücksbegleitung der Bewohner im Speisesaal ist jetzt nicht mehr abgedeckt. Zum Glück sind zwei Auszubildende der Altenpflege im Praxiseinsatz da, sie kennen die Bewohner und können die Arztbegleitungen übernehmen.
Dienste müssen geschoben werden
Und im Speisesaal? Eine Mitarbeiterin muss aus dem „Frei“ in den Dienst gerufen werden. Sie kommt. Um halb neun Uhr morgens ist die Versorgung der Bewohner geregelt. Jetzt ein Blick auf den Dienstplan. Die erkrankten Mitarbeiter haben am Wochenende frei. Gott sei Dank! Der Vormittag ist geprägt von verschiedenen Telefonaten und zwei Beratungsgesprächen zum Heimeinzug, die unangemeldet „in der Tür“ stehen und in Not sind.
Emotionale Achterbahnfahrt
Ich begegne im Laufe des Vormittages Frau A., die seit einigen Jahren bei uns lebt und sehr in sich zurückgezogen ist. Heute ist sie erstaunlich gut gelaunt und wechselt fröhlich ein paar Worte mit mir. Ich freue mich. Dann meldet sich einer unserer Menüfahrer. Er hat bei einem Kunden einen Schaden verursacht, diesen aber auch schnell regulieren können. Kaum habe ich aufgelegt, steht aufgelöster Pflegeassistent vor mir. Gerade hat der Kinderarzt seinen vor drei Wochen geborenen Sohn ins Krankenhaus eingewiesen. Der Mann ist nicht arbeitsfähig, kann seinen Spätdienst nicht wahrnehmen. Also wird auch dieser Dienst neu geregelt und der junge Vater so gut es geht beruhigt.
Mit Verspätung ins Wochenende
Der Schreibtisch ist immer noch voller unerledigter Papiere. Langsam baut sich ein ungesunder Stresspegel auf. Ich versuche dennoch ruhig zu bleiben. Nach der Mittagspause eine Stunde Ruhe. Der Papierberg baut sich ab. Dann der Anruf der Angehörigen, die das Beratungsgespräch für heute Mittag vereinbart haben. Sie stehen im Stau, benötigen noch eine Stunde. Das Gespräch findet eine Stunde später wie vereinbart statt und gegen 17 Uhr bin ich endlich zu Hause. Endlich Wochenende.
Auch der Tod kommt selten angemeldet
Gegen 19.15 Uhr will ich zum Geburtstag gehen. Beim Anziehen klingelt mein Telefon. Es ist eine Mitarbeiterin aus der Einrichtung. Gerade habe sie Frau A. gefunden – tot in ihrem Sessel sitzend. Ich fahre in die Einrichtung und regle mit dem Team die Dinge, die jetzt zu regeln sind. Die Sache ist komplizierter als gedacht. Da Frau A. keine direkten Verwandten hat, wird das Ordnungsamt eingeschaltet. Zwischendurch immer wieder Gespräche mit den Mitarbeitern, die wie ich über den für uns unerwarteten plötzlichen Tod sprechen müssen. Kurz nach neun überlege ich, ob ich nach Hause fahre oder doch noch zum Geburtstag. Ich entscheide mich für das Fest. Es werden noch zwei schöne Stunden bei guten Freunden.

Ortrud Cordes
die Sozialarbeiterin leitet das Altenpflegeheim Haus Simeon in Emden mit 46 Pflegeplätzen und einem Menübringdienst. Die Caritas-Einrichtung beschäftigt 58 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie pflegen und begleiten Menschen mit und ohne Demenz unter einem Dach. Die Rahmenbedingungen dafür werden immer problematischer. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben geht trotz vieler Einsparmaßnahmen weiter auseinander. Für Frau Cordes ein Grund mehr, immer wieder darauf zu blicken, was sich Gutes in der Einrichtung bewegt, um Ressourcen für weitere Anforderungen freilegen zu können.
Alte Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben, weil sie mit ihrem reichen Erfahrungsschatz des Lebens ehrlich und zugewandt sind, auch in ihren schwachen Stunden des Lebens.













