Es dürfte die einzige Ausstellung dieser Art sein: das Portrait-Projekt „Respekt“ der Katholischen Kirche im Landkreis Cloppenburg. Große Poster von 40 Senioren im Alter zwischen 75 und 101 hängen in den Schaufenstern der Innenstadt. Hildegard Langenfeld zum Beispiel. „Vieles, was damals schlimm und schrecklich war, hatte rückblickend sogar einen Sinn“, sagt die 91-Jährige.
“Ich bin Cloppenburgerin“, sagt Hildegard Langfeld, doch geboren wurde sie 1920 in Breslau. Eine Tochter aus gutem Haus. Gymnasium, Klavierunterricht, zwei Häuser. Dann kam der Krieg. Die Abiturientin sollte zum Arbeitsdienst eingezogen werden. „Mein zukünftiger Mann sagte: Das machst du nicht, wir heiraten!“ Er selbst musste in den Krieg. „Richtig verheiratet war ich nur drei Monate.“
1942 kam Sohn Martin zur Welt, der Ehemann galt irgendwann als vermisst. „Weihnachten 44 haben wir noch in Breslau gefeiert“, erinnert sich die 91-jährige, „im Januar mussten wir raus.“ Sie kam mit Mutter und Sohn zu Verwandten in Schlesien. 1946 wurden alle vertrieben. „Wir drei kamen ins Saterland. Runter auf null“, sagt sie trocken. „Wir sahen nicht sehr ansprechend aus. Und von Landwirtschaft hatte ich überhaupt keine Ahnung.“
Die erste Bleibe war winzig. „Das Bett war für meine Mutter. Ich habe im Stroh geschlafen.“ Von der Feldarbeit bekam sie blutige Hände, aber durchgehalten hat sie trotzdem. „Nicht liegen bleiben, aufstehen!“ ist ihr Motto. „An meiner Mutter hatte ich eine große Stütze. Sie hat nie geklagt. Nur einmal hat sie gesagt: „Ich möchte noch mal erleben, dass das Wasser aus der Wand kommt.“
Als ihr Mann 1948 für tot erklärt wurde, bekam Hildegard Langfeld eine kleine Witwenrente, und als der Sohn nach Cloppenburg aufs Gymnasium ging, zogen die drei in die Stadt. „Wir wurden wunderbar aufgenommen“, schwärmt sie. Mit Nachhilfestunden sicherte sie den Unterhalt. Geheiratet hat sie nie mehr. „Ich habe immer gedacht: Wie ist ein fremder Mann wohl zu meinem Kind?!“ Später heiratete der Sohn und bekam drei Kinder. „Die Enkel waren oft bei mir. Es war eine tolle Zeit.“ Doch eines ist klar. Der Verlust der Heimat, des Ehemannes, des eigenen Status, das hat sie geprägt. „Ich habe gelernt, wie wenig Besitz wert ist. Darauf soll man nie seine Hoffnung setzen.“ Eher auf Liebe – und auf Gott. „Gott war immer mein Bezugspunkt, er hat mich getragen bis heute“, sagt Hildegard Langfeld. Und in diesem Vertrauen weiß sie: „Man muss immer bereit sein aufzubrechen und weiterzugehen. Auch im Alter.“
Entnommen dem Buch „Respekt. Portraits von alten Menschen“ Für 16,80 Euro erhältlich in der Katholischen Akademie Stapelfeld Tel. 04471/188-0 oder per Mail unter info@ka-stapelfeld.de.













