Deutschland ist zu einem Land des langen Lebens geworden. Das ist schön, fordert uns aber auch heraus. Ich bin davon überzeugt, dass die wachsende Zahl älterer Menschen eine Chance ist. Die Frage ist, wie wir diese Chance nutzen können – individuell und für unsere Gesellschaft.
Optimistische und realistischere Altersbilder
Vergnügungssüchtige Alte, die auf Kosten der jüngeren Generationen ihren Wohlstand genießen oder ältere Menschen als Pflegefälle, die knappe Ressourcen binden und Angehörige wie Gesellschaft belasten: Das sind verbreitete Bilder und Vorurteile, die die Wirklichkeit verzerren, bösartig verzerren. Ältere Menschen sind – wie übrigens alle anderen Altersgruppen auch – sehr unterschiedlich, das Alter als Lebensphase ausgesprochen facettenreich. Die Altersbilder in unseren Köpfen hinken der tatsächlichen Entwicklung einer Gesellschaft mit höherer Lebenserwartung noch hinterher. Neue Altersbilder, optimistisch und realistisch zugleich, sind deshalb der erste und notwendige Schritt, um die Chancen des Alters zu ergreifen.
Ältere nicht frühzeitig wegschicken
Das beginnt übrigens schon lange vor dem Ruhestand: Es wird Zeit, dass sich Betriebe, Verwaltungen und auch die Medien vom Jugendwahn verabschieden. Wir dürfen die Älteren nicht frühzeitig wegschicken. Untersuchungen zeigen, dass altersgemischte Teams die besten Arbeitsergebnisse hervorbringen. Know-how und Lebenserfahrung sind viel zu wertvoll, um darauf zu verzichten. Und was für die Arbeitswelt gilt, gilt ebenso für die Bürgergesellschaft. In Deutschland engagieren sich etwa 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Zum Beispiel bei der Caritas! Gerade ältere Menschen haben Zeit, Erfahrung und Kompetenzen, die sie geben können und wollen. Alle profitieren davon, nicht zuletzt die Engagierten selbst. Nichts motiviert mehr, nichts macht uns so zufrieden und hält uns so aktiv wie die Gewissheit, gebraucht zu werden.

Viele Senioren engagieren sich ehrenamtlich.
Potenziale des Alters abrufen
Mein Anliegen ist es daher, förderliche Rahmenbedingungen für die Potenziale des Alters zu schaffen. Im Rahmen der Initiative „Alter schafft Neues“ bieten die „Freiwilligendienste aller Generationen“ neue Engagementmöglichkeiten gerade auch für die Generation 50+. Das Programm „Aktiv im Alter“ gibt älteren Menschen sozusagen vor der Haustür Mitgestaltungsmöglichkeiten in lokalen Bürgerforen unter dem Motto „Wie wollen wir morgen leben?“ Eine weitere Perspektive bieten die rund 500 Mehrgenerationenhäuser. Menschen aller Altersgruppen begegnen sich hier außerhalb der Familie, lernen voneinander und unterstützen einander. Mit Angeboten von der Leihoma oder dem Leihopa über Computerkurse bis hin zur Tagesbetreuung für Demenzkranke tragen die Mehrgenerationenhäuser zum Zusammenhalt von Alt und Jung bei.
Auf ältere Menschen zugehen
Der demografische Wandel ist keine Zeitbombe. Wenn darin etwas tickt, dann eher ein Wecker, der uns unablässig daran erinnert, dass wir aufstehen und handeln müssen. Handeln heißt: neue Orte der Begegnung, neue Formen des Engagements, des Lebens und Zusammenlebens schaffen. Und, nicht zuletzt: auf ältere Menschen zugehen. Sie respektieren, einbinden, wertschätzen, fordern. Dann werden wir die Herausforderungen des demografischen Wandels meistern.
Dr. Kristina Schröder
ist seit November 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die CDU-Politikerin ist Jahrgang 1977. Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin kommt aus Wiesbaden.
Ältere Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben, weil sie genug erlebt haben, um gelassen und klug mit Herausforderungen umzugehen. Davon können wir alle lernen!












