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hoffen & wünschen

Der traurige Abschied vom Ich

Geschrieben von am 6. Juni 2010
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Mann im Altenheim (c) FotoliaDer Einzug in ein Altenheim ist ein einschneidendes Ereignis, das mit existenziellen Erfahrungen verbunden ist. In ihrer Gebrechlichkeit und Hilfebedürftigkeit stoßen die Bewohner an Grenzen. Manche sind so getroffen, dass sie nur schwer an ihre von Gott geschenkte Würde glauben können. Andere kommen mit der Erfahrung, dass sich ihr Leben, ihre Geschichte, ihre Biografie auflöst und im Nebel der Erinnerungsunfähigkeit verschwindet. „Ich vergesse so viel, ich weiß manchmal nicht mehr, wo ich bin. Das ist so schlimm, dass ich nur heulen könnte. Dann weiß ich nicht wohin, was soll ich tun, können Sie mir helfen?“

Angst vor dem Verlust von Freiheit und Autonomie

Der Abschied vom eigenen Ich macht traurig, tut weh. Manche Menschen kommen, weil sie zunehmend an innerer und äußerer Vereinsamung leiden. „Ich wollte nur einmal ein menschliches Gesicht sehen“, erklärt eine Bewohnerin ihr lautes Rufen nach Hilfe. Andere kommen mit der Angst, dass sie ihre Freiheit und Autonomie verlieren, dass ihr Leben eingeengt wird und durch den Heimbetrieb unter Druck gerät. In allen Bewohnern lebt die Sehnsucht, einen Menschen zu finden, der ihre Würde achtet, der ihnen beisteht und sie begleitet, dem sie nicht ausgeliefert sind. Sie möchten aufstehen, sich waschen und anziehen oder essen, wann sie es wollen. Sie brauchen Menschen, die fragen: „Was willst du, was soll ich für dich tun?“

Das gewohnte Leben retten – auch wenn ich Pflege brauche

Das kirchliche Heim lebt mit dem Anspruch und der Erwartung, dass Leben in seinen Räumen nicht untergeht. Durch den diakonischen Dienst der Mitarbeiter soll dieser Gott erlebbar werden, dessen Name verspricht. „Ich bin, der ich bin da“. Er, der seinem Volk das Gesetz des Lebens mit auf den Weg gegeben hat, das mit den Worten beginnt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus befreit.“ Wie erfahren Menschen diesen befreienden, rettenden, tröstenden Gott? Wie finden sie Halt und Hoffnung? Alle Bewohner wollen leben. Sie kommen nicht in erster Linie, um gepflegt zu werden, sie wollen ihr gewohntes Leben auch unter den Bedingungen der Pflegebedürftigkeit, der Gebrechlichkeit, des Verwirrtseins retten.

Günter Schmidt

ist katholischer Priester der Kirchengemeinde St. Stephan in Andernach. Der 73-Jährige hat langjährige Erfahrung in der Altenhilfe und ist Vorstandsvorsitzender der Altenzentrum-Sankt-Stephan-Stiftung.
Alte Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben, weil jeder ein einzigartiges Leben hat. Deshalb kann nur jeder selbst seinem Leben eine Stimme geben.

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1 Kommentar zu “Der traurige Abschied vom Ich”

  1. Die Beschreibung der Situation ist realistisch, trotzdem haben mich die Zeilen traurig gemacht. Ist es zwangsläufig, dass durch zunehmender Gebrechlichkeit und “auf Hilfe angewiesen sein”, der Abschied vom eigenen “Ich” eingeläutet wird? Ich denke die seelsorgerische Begleitung, die Ihr Haus ja anbietet, kann die Chance in sich bergen ” Neues” zu entdecken. “Wenn meine Kräfte schwinden, wachsen mir Flügel” Die menschliche Begleitung ist die Chance zur würdevollen Vollendung des Lebens.