Fit sein im Alter. So heißt eine Devise. Seniorenreisen mit 100 Jahren und das Kreuzworträtsel des ZEIT magazins noch schnell vor der Hüft-Operation auf der Liege des Krankenhauses lösen. Wir suchen das ultimative Hörgerät gegen Altersschwerhörigkeit und erneuern Sterbenden die Zahnprothesen. Aktivierungsprogramme greifen, sobald ein alter Mensch müde wird. Bloß kein Innehalten, bloß kein Zurückgehen, bloß kein Tod.
Kommerz ist Programm
An Alten fließt seit Jahrzehnten eine Menge Geld vorbei: Berufe werden erfunden und hochstudiert. Wirtschaftszweige prosperieren, neue Messgeräte, Medikamente und Hilfsmittel werden auf den Markt geworfen und für unabdingbar erklärt. Mit hochmütiger Akribie wird in der Altenpflege dokumentiert. Jeder – pardon! – Furz wird verwaltet. Die Pflege ist hin und her zertifiziert und hat ihren Internetauftritt. Das Geld für diesen – leider oft an den Bedürfnissen der alten Menschen vorbeigehenden – Aufwand ist längst geliehen, fast gestohlen.
Kinder sind out
Unsere Gesellschaft schrumpft. 1,3 Kinder pro Frau! Mal abgesehen von der Gesamtsklerose unserer Gesellschaft: Wer soll uns, die geburtenstarken Jahrgänge, denn in 25 Jahren pflegen? Wer uns nötigenfalls waschen und Essen geben? Wer uns meinetwegen aktivieren, dokumentieren und verwalten? Wer uns bitte in den Arm nehmen, mit uns singen? Gar beten?
Zeitsprung ins Jahr 2035
Ich habe mich wohl geirrt. Die Katastrophe, die ich auf mich zukommen sah, ist schon vorbei. Ich bin 84. Es ist Abend. Ich esse Kartoffeln mit Quark und denke: Ein Bier dazu wäre gut. Das gibt’s aber nur freitags und heute ist Mittwoch. Ich summe. Mein Knie tut weh. Ich denke an Frau Rothmann, weil der damals auch immer die Knie schmerzten. Richtig mitfühlen kann ich das erst jetzt! Ich schaue aus dem Fenster und frage mich, ob mein Leben okay war.
Ich hatte damals vor 25 Jahren keine Antwort gewusst, wie man das mit dem Generationenvertrag retten kann. Ich betrachte meine Fingernägel und beschließe, sie nur zu feilen. Scharfe Scheren sind gefährlich, wenn man schlecht sieht. Ich möchte aber hübsche Fingernägel haben, weil ich morgen meine Freundin treffe. Wir werden an der Dreisam spazieren humpeln. Auf unserer Lieblingsbank werden wir an früher denken und Butterbrote auspacken. Ich tue einfach ein bisschen Salz drauf, aber sie schafft es immer irgendwie, an Leberwurst zu kommen. Na, sie wird mich wohl abbeißen lassen!
An unserer Bank kommen manchmal Kinder auf dem Heimweg von der Schule vorbei. An meine Schulzeit denke ich gern zurück. Diese schrecklich rutschenden Kniestrümpfe! Ich lege die Hand auf mein dummes Knie. Spüre die Wärme. Wie’s weitergeht? „So Gott will und wir leben, werden wir dies oder das tun.“ So steht es in der Bibel. Der Quark ist alle. Kartoffeln hat’s zum Glück reichlich. Und eine Prise Salz.
Kathrin Pläcking
ist freie Autorin, Altenpflegerin und Nachhilfelehrerin für Mathematik. Sie arbeitet bei der Evangelischen Sozialstation Freiburg in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. www.kathrin-plaecking.de
Alte Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben, weil sie weil sie zu den Problemen der Anfängerinnen und Anfänger schon eine größere Distanz haben.













