Ich habe Zeit. Sitze im Warteraum einer Reha-Klinik und warte darauf, dass mich mein Physiotherapeut aufruft. Außer mir warten hier vorwiegend alte Menschen, in deren Gegenwart ich mir mit meinen 61 Jahren fast wie ein Jugendlicher vorkomme. Sie stützen sich auf Krücken, schieben einen Rollator vor sich her, wirken gebrechlich und tasten sich behutsam zu den Sitzmöbeln. Ich überschlage kurz das Durchschnittsalter und multipliziere mit der Anzahl der Anwesenden: rund eintausend Jahre dürften hier beisammensitzen. „Mein Gott“, denke ich, „welch eine Menge Leben, Lebenserfahrung, Weisheit, Kompetenz und Praxiswissen hier sitzt!“
Pädagogische Kompetenz ohne Studium
Ich kann nicht verhindern, dass ich immer wieder teilweise wegen Schwerhörigkeit lautstark geführte Gespräche mithöre. Da ist die nette weißhaarige Dame mit der Löckchenfrisur, die wegen Problemen mit ihrem Oberschenkelhals in Behandlung ist und während der Wartezeit stolz von ihren sieben Enkelkindern erzählt. Welch eine pädagogische Kompetenz sie wohl im praktischen Leben erworben haben mag? Hat sie doch nicht nur die Enkelkinder oft um sich, sondern auch die Hälfte derer Eltern erzogen. Und so wie sie erzählt, mit stolzem Ton in der Stimme, scheint ihre diese Erziehung gelungen zu sein.
Das Leben gelehrt
Oder da ist der alte Herr, der immer eine Fliege trägt und stocksteif umherstolziert, weil er große Bandscheibenprobleme hat. Als ich höre, dass er früher Mathematik und Sport unterrichtet hat, bin ich versucht, ihn als Kollegen zu begrüßen: hat er nicht in vielen Dienstjahren Generationen von Schülerinnen und Schülern mit binomischen Formeln, Bruchrechung und Wurzelziehen, mit Klimmzügen und Turnübungen auf der Matte „malträtiert“? Hat er junge Leute kompetent auf die Universität oder besser noch aufs Leben vorbereitet, „non scholae sed vitae discimus“?
Experten fürs Überleben
Ich beobachte einen kleinen pummeligen Herrn, der sich sehr liebevoll um seine an Krücken daherkommende Frau kümmert, die nur noch ein intaktes Bein hat. Sie sprechen in einer slawischen Sprache miteinander. Ein paar Tage später bekomme ich mit, wie er einem anderen Wartenden erzählt, dass sie aus dem Kosovo stammen und seiner Frau durch eine Tretmine das halbe linke Bein abgetrennt worden war. Hier in dieser ruhigen Klinik holt uns das Monster Krieg ein. Menschen, die Opfer wurden, die mit dem Leben davonkamen, die Experten fürs Überleben sind.
Kulinarische Höhenflüge
Und dann sind da die beiden rundlichen Damen – ich hätte sie fast für Mutter und Tochter gehalten –, die sich täglich hier treffen und vor allem über Rezepte austauschen. Es ist ein gastrosophischer Genuss, ihnen zuzuhören. Hohe Kochkunst, fernab jeder Fernsehkochshow! Den Beschreibungen nach werden hier mindestens 4-Sterne-Nachtisch-Rezepte ausgetauscht. Dazu passt der alte Winzer aus dem Baden-Badener Rebland, der sich wie kaum ein anderer in Rebsorten, Lagen und Jahrgängen auskennt – und das, ohne ein Masterstudium in Önologie absolviert zu haben. Seinen Weinempfehlungen würde ich blind vertrauen.
Wie ein großes Lexikon
Ich bin täglich aufs Neue beeindruckt, welch Fülle an Wissen, Fachkenntnis und Know-how, an Bildung und Erfahrung, aber auch an Bedachtsamkeit und Gelassenheit hier versammelt ist. Könnte man doch all das erworbene Wissen, das die hier Wartenden in ihrer Biographie mit sich tragen, sammeln und wie in einem abrufbaren Lexikon abspeichern! Viele Räder müssten von uns Jüngeren nicht mehr neu erfunden werden.
Stefan Lutz-Bachmann
ist ständiger Diakon in der katholischen Pfarrgemeinde St. Bernhard in Baden-Baden. Als Lehrer unterrichtet er Deutsch, Geschichte und Religion an einem Gymnasium.
Alte Menschen sind Experten fürs Leben, weil sie – teils durch Fleiß und Arbeitseifer, teils durch die täglichen Anforderungen des Lebens – gelernt und Erfahrungen gesammelt haben. Das ermöglicht ihnen, trotz Krücken und Rollator aufrecht zu gehen und sich nichts mehr beweisen zu müssen.














Wenn behandelnde Arzte das auch so wahrnehmen und die Patienten mit ihrer je individuellen Lebenserfahrung ernst nehmen und ihnen, nicht nur ihrem Hüftgelenk, so gut es eben möglich ist, Interesse entgegenbringen, dann wird man ihnen auch menschenwürdig gerecht.
Diese kleine Momentaufnahme – Menschen im Wartezimmer – erinnert, wie wichtig es ist, gerade alte Menschen zu achten – in einer Gesellschaft, die vor allem auf den ökonomischen Nutzen schaut. Wissen, das sich nicht vermarkten lässt, hat da keinen Wert…