Als Altenpflegerin bin ich eine von den Festlandbewohnerinnen, die einen feinen alten Herrn auf der Insel seiner Demenz besuchen. Dieser Herr, sage ich immer stolz über meine Erkenntnis und meinen Fortschritt, bringt mir Geduld bei. Wie ein Zen-Meister. Nicht indem er Übungen mit mir macht, sondern indem er einfach so ist, wie er ist. Wenn ich zu ihm komme, geschieht das nicht absichtslos, ich habe was mit ihm vor: ich will ihn pflegen. Er liegt im Bett, er schaut. Ernst, denke ich, aber nicht grimmig. Ich weiß nicht, ob er aufs Festland rüberguckt oder übers Meer. Ich weiß nicht, ob er inselinterne Überlegungen anstellt.
Wir sind gemeinsam wichtig
Der in sich gekehrte Herr lässt sich gern besuchen, aber nicht gern stören. Das geht ja auch Festlandbewohnern so. Wenn ich ihn also besuche, zu ihm trete und ihn anlächle, ist mir sein Wiederlächeln gewiss. Wir sind gemeinsam froh. Wenn ich ihm vom alten Festland Bericht erstatte, zum Beispiel, dass interkontinental und vorwiegend in Absprache mit den Verantwortlichen eine gewinnversprechende Anlagelegitimation im Bundestag diskutiert wird, nickt er ernsthaft Zustimmung, faltet seine Stirn in politische Falten. Wir sind gemeinsam wichtig. Wir. Ein eingebundenes Du, ein verbindliches Ich. Sehr wohltuend. Auch unter Festlandbewohnern ist es angenehm, wenn solche Kontakte zustande kommen.
Guten Kontakt gibt es nur im Wir
Das Starke bei dem freundlichen Herrn aber ist: er verlangt dieses Wir. Es gibt keine Ausnahme! Das zeigt sich, wenn ich ihn störe und mein dickes Ich vor mir hertrage: „Ich will ihnen mal den Schlafanzug anziehen, mein Herr, das muss jetzt nämlich sein. Bei uns auf dem Festland ist das beschlossene Sache.“ Ja, andere Inseln, andere Sitten! In dieser Situation wird er sich mit ganz erstaunlicher Energie am Bettgitter festhalten. Da wird mir sofort klar, dass Waschen und Kleiderwechsel jetzt nur mit Gewalt gehen könnten. Ein Ich gegen ein Ich. Nur, wenn ich wieder zum Wir finde, meine Absicht – ja, sagen wir, in den Kühlschrank stelle, wirklich zurücknehme – nur dann wird eine gemeinsame Handlung möglich sein. Wenn ich ihn sehr liebevoll anschaue und aus meinen Augen unverhohlenes Interesse an feinen Herren auf Inseln sprechen lasse, dann ist es möglich, dass ich ganz sanft, wie beiläufig seine Finger vom Bettgitter löse. Langsam, sehr langsam. Wie gesagt, ein Zen Meister könnte mich nicht besser auf den Punkt bringen.
Superklare Funkverbindungen gibt’s nicht immer
In der Wohngruppe für Menschen mit Demenz wohnt auch eine sehr fidele Dame. Ihre Insel ist noch nicht so weit ins Meer gedriftet wie die des nachdenklichen Herrn. Jedenfalls gibt es oft superklare Funkverbindungen. Heute wünsche ich mir die. Ich bin müde. War doch schon sehr geduldig bei meinem Lehrmeister. Jetzt könnte doch die fröhliche Dame mal kompatibel sein, oder?
Geschenkte Zeit
Tja, die Dame putzt sich die Zähne, die mobilen, im Waschbecken. Putzt sie gründlich. Putzt sie gut. Ich habe schon alles gemacht: Wäsche aufgeräumt, Utensilien verräumt. Wenn ich noch dieses Gebiss geschwind reinigen könnte, die müde Dame zu Bett führen, ach, ich wäre bereit, auf der Bettkante traut ein Gutenachtlied zu singen. Wenn es doch nur schon so weit wäre! Sie putzt sie gründlich, putzt sie gut. Ich sage, „kommen Sie, ich mach es schnell“, doch sie zieht energisch das Gebiss an sich. Ich seufze sehr vernehmlich. Ich setze mich auf den Klodeckel. Ich warte. Da dreht die übers Waschbecken gebeugte, liebenswürdige Dame mir den Kopf zu, langsam, sehr langsam, nur ein halbes, verschmitztes Auge sieht mich im Winkel, und sie sagt: “Ist es nicht schön von mir, dass ich dir so viel Zeit schenke?“
Kathrin Pläcking
ist freie Autorin, Altenpflegerin und Nachhilfelehrerin für Mathematik. Sie arbeitet bei der Evangelischen Sozialstation Freiburg in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. www.kathrin-plaecking.de
Alte Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben, weil sie – ob glatt oder holperig – bis jetzt aus jeder Situation genau ihren Weg gefunden, der sie weiter brachte.














Wie spät ist es??
Grüün!
Oh .. ich denke .. ich muss hier aussteigen…
Es sind einfach nur liebevolle Worte, ich wäre gern Inselbewohnerin und würde mich gern in Ihre Obhut gegeben. Ich wünsche uns allen, älter werdenden Menschen, solche Festlandbewohnerinnen, wie Sie Frau Pläcking. Danke für Ihren Text.
“In der Demenz leben Menschen wie auf einer Insel”…
Kathrin Pläcking ist Altenpflegerin in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. In ihrem Artikel “In der Demenz leben Menschen wie auf einer Insel” schreibt sie über ihre Begegnungen und Erfahrungen mit demenziell veränderten Mensche…