« »
pflegen & begleiten

Leben wie in der Großfamilie

Geschrieben von Anke Schäflein am 9. Februar 2010
Schlagworte: , , | 4 Kommentare

Zwiebeln und Kartoffeln schälenWenn es darum geht, wie alte Menschen ihre letzten Lebensjahre verbringen, heißt es immer häufiger: Heim war gestern – Hausgemeinschaften sind heute. Jetzt geht’s also nur noch in eine Richtung. Alles andere ist abzuschreiben, aufzugeben, einzustampfen. Diese Fixierung auf ein Angebot halte ich für falsch, obwohl auch wir eine Hausgemeinschaft für 39 Männer und Frauen haben und damit sehr gute Erfahrungen machen.

Neue Orientierung für verwirrte Menschen

An Silvester vor vier Jahren eröffneten wir unsere Hausgemeinschaft in Hofheim mit neun Bewohnerinnen und Bewohnern. Wir haben nach fränkischer Art blaue Zipfel zubereitet und uns sowie der neuen Einrichtung alles Gute gewünscht. Dann gingen wir daran, den Alltag gemeinsam zu gestalten. Und der hielt eindrückliche Geschichten bereit: So fand zum Beispiel eine Bewohnerin nach kurzer Zeit morgens den Kühlschrank, entnahm diesem Marmelade und ging damit zum Esstisch. Was nach einer Selbstverständlichkeit klingt, erschütterte jedoch die Diagnose der Ärzte. Diese hatten die Frau als „zeitlich und räumlich nicht orientiert“ eingestuft. Ähnliche Beobachtungen konnten wir in den vergangenen Jahren immer wieder machen.

Den Alltag gemeinsam gestalten

Gemeinsam Kochen gehört zum Alltag in der Hausgemeinschaft.

Gemeinsam Kochen gehört zum Alltag in der Hausgemeinschaft.

Die Hausgemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass es keine zentralen Einheiten mehr gibt. Die Kleingruppen kochen, backen, waschen, bügeln – so wie es die einzelnen früher auch zuhause gemacht haben. Wenn möglich und gewünscht, beteiligen sich die Bewohnerinnen und Bewohner an allen Aktivitäten – auch an den hauswirtschaftlichen. Selbst wenn sie dies nicht (mehr) können oder wollen, profitieren sie von den alltäglichen Aktivitäten und davon, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker präsent sind. Es gibt keine mehr hinter „verschlossenen Türen“, in Zentralküchen und Zentralwäschereien.

Altenhilfe braucht vielfältige Wohn- und Pflegeangebote

Das Konzept funktioniert. Allerdings muss es nicht für alle alten Menschen passen. Eine Fixierung auf Hausgemeinschaften würde ignorieren, was wir in der Altenhilfe brauchen: Vielfalt! Schließlich sind die alten Menschen selbst die ersten und wichtigsten Experten für ihr Leben und ihre Bedürfnisse. Sie brauchen unterschiedliche Unterstützungsangebote, weil sie unterschiedliche Vorlieben und Bedürfnisse haben. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass wir in unserer Arbeit täglich überlegen, wie wir unsere Angebote und unsere Räume so gestalten, dass sie die Selbsthilfe-Fähigkeiten und die Teilhabe unserer Bewohnerinnen und Bewohner fördern und möglichst lange erhalten.
Fotos und Geschichten aus den Hausgemeinschaften für Senioren St. Anna in Hofheim

Anke SchäfleinAnke Schäflein

ist Geschäftsführerin des Caritasverbandes für den Landkreis Haßberge.
Alte Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben weil sie im besten Fall genau wissen, was sie wollen oder nicht wollen und uns dies auch – ganz egal in welcher Verfassung sie sind – in unterschiedlichster Art und Weise mitteilen.

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • MySpace
  • TwitThis

4 Kommentare zu “Leben wie in der Großfamilie”

  1. Diana Wegner sagt:

    Grüß Gott aus dem schönen Wonnegau,

    vielen Dank für Ihre anschauliche Beschreibung wie Leben in einer Hausgemeinschaft gestaltet ist.
    Wir eröffnen im Herbst 2010 in Osthofen – das ist zwischen Mainz und Worms – zwei neue Hausgemeinschaften nach dem Konzept des Kuratorium Deutsche Altershilfe (www.kda.de). In unserer Region ist das neu.
    Wir sind sehr davon überzeugt, dass das familiäre leben in einer Hausgemeinschaft für Pflegebedürftige eine familiäre Wohnform ist, wo sich jeder einbringen kann und gefördert wird. Damit haben wir bei unseren aktivierenden Veranstaltungen für Senioren sehr gute Erfahrungen gemacht. Besonders für Bewohner mit Demenz sind alltägliche und gemeinschaftliche Unterstützungsangebote belebend, gesundheitlich stärkend und für die lange Eigenständigkeit sehr wichtig.

    Viele Grüße
    Diana Wegner
    http://www.johannes-altenhilfe.de

  2. Im Folgenden eine stichwortartige Erklärung …

    Organisation und Finanzierung:
    Hausgemeinschaften fallen unter “stationäre Altenhilfeeinrichtungen”.
    Damit gelten dort die gleichen organisatorischen und Finanzierungsgrundlagen wie in allen anderen Senioren-Pflegeeinrichtungen.

    Mit klients meinen Sie wahrscheinlich Bewohnerprofile:
    Hausgemeinschaften sind für alle Senioren geeignet. Wichtig ist in diesen stark Kleingruppen bezogenen Konzepten allerdings, dass neben den Gemeinschaftsräumen Einzelzimmer zum Rückzug zur Verfügung stehen.
    Da Hausgemeinschaften sehr kleinräumig und alltagsnah organisiert sind, eignen sie sich besonders für demente Menschen sehr gut. Sie unterstützen die räumliche (kleine Gruppe, kleine Einrichtung, etc.) und zeitliche Orientierung (Essensvorbereitungen in der Gruppe, etc.).

    Ich hoffe, damit in der gebotenen Kürze zumindest ansatzweise Ihre Fragen geklärt zu haben.
    Weitere Informationen zum Hausgemeinschaftskonzept erhalten Sie im www; insbesondere auch unter der Website des Kuratorium Deutsche Altershilfe (www.kda.de)

    Herzliche Grüße
    Anke Schäflein

  3. Mustapha. elouafi sagt:

    ich habe keinen Kommentar , ich habe eine Frage, ich möchte gern wissen wie die Organisation, die klients und die Finanzierung in den Hausgemeinschaften ist.

  4. [...] Im schönen Bayern gibt die Hausgemeinschaften schon, z.B. in Hofheim im Landkreis Haßberge. Anke Schäflein, die Geschäftsführerin des Caritasverbandes für den Landkreis Haßberge, beschreibt das alltägliche Leben von Senioren, die gemeinsames Kochen wie in einer Großfamilie. [...]

Hinterlasse eine Antwort