Beim Nachdenken über das Alter – ich schwamm höchst vergnügt und zufrieden in meinem See und fühlte mich mit meinen 66 Jahren unglaublich jung – fiel mir auf, dass seit geraumer Zeit die Anti-Aging-Produkte und -Bücher nur so aus dem Boden sprießen. Anti heißt normalerweise, man ist gegen etwas wie bei Anti-Faschismus, Anti-Atomkraft, Anti-Körper, Anti-Haft-Beschichtung. Und dann: ANTI-AGING! Schon das Wort! Man ist also gegen das unvermeidliche Altern. Man stellt sich gegen die Wirklichkeit. Und das mit allen Mitteln. Altwerden gibt es nicht. Jung und dynamisch ist die Devise! Ja ist denn Alter verwerflich? Ist es gar eine Krankheit?
Muss man sich seines Alters schämen?
Muss man sein Alter geheim halten?
Muss man sich jünger machen als man ist?
Muss man jede graue Strähne unter Farbe – oft schlechter – verstecken?
Ich finde graue Haare attraktiv, besonders bei gut aussehenden Männern.
Man stelle sich Richard Gere gefärbt vor!
Ich muss es nicht allen recht machen
Ich bin für das Alter. Altern hat für mich etwas höchst Vorteilhaftes: Es ist mir so herrlich egal, was andere von mir denken. Den Stress, es Anderen recht machen zu müssen, habe ich abgeschafft. Wunderbar! Mein kleines Bäuchlein – na und? Ich esse und koche für mein Leben gern. Kalorienzählen? Ernährungsbücher wälzen? Die gute Butter aufs Brot kratzen oder gar Margarine – wie furchtbar – nehmen?
Den Capuccino ohne Zucker? Eine Beleidigung für jeden Capuccino-Freund.
Keine Cantucini oder anderes leckere Gebäck oder gar ein Stückchen Schokolade zum Kaffee oder Tee oder als Betthupferl?
Genießen mit allen Sinnen
Nur noch figur-freundliches stilles Mineralwasser zum Essen statt eines guten Tropfens, der den Gaumen kitzelt und das Essen erst so richtig zum Genuss werden lässt? Spaghetti Pesto ohne viel Olivenöl? Die müssen drin schwimmen! Kein Schwarzwälder Schinken mit wenigstens einem kleinen Fettrand? Stattdessen Du-darfst-Wurst und Light-Produkte? Auf alles, was lecker ist, soll ich verzichten, nur weil mir magersüchtige Models als Vorbild hingestellt werden, wo ich doch die meisten dieser Klamotten sowieso nicht tragen kann und auch gar nicht wüsste wo?
Das Alter kann wunderbar und stressfrei sein
Nein, da trage ich gerne meine figurumschmeichelnden Schlapperblusen über Schlapperhosen mit Gummibund und freue mich diebisch auf das nächste wunderbare Essen, das der Chef eines wunderbaren kleinen italienischen Restaurants für mich bereitet. Tutto fatto a mano. Delizioso! Das ist nur eine von vielen Komponenten, die mein Herz erfreuen und es – und damit auch mich – jung erhalten. Ach, das Alter kann so wunderbar und stressfrei und vergnüglich sein. Von der zunehmendem Klugheit, Lebenserfahrung und Weisheit ganz zu schweigen. Es lebe das Alter!
Monika Zimmermann
wurde 1942 in Chemnitz geboren und flüchtete 1954 aus der DDR. Zwei Jahre lebte sie getrennt von Mutter und Bruder. Nach vielen Schulwechseln machte sie in Göppingen das Wirtschaftsabitur, ging als Au-pair-Mädchen nach England und in die Schweiz. Die gelernte Fremdsprachensekretärin startet 1965 eine Karriere beim Südwestfunk in Baden-Baden. Von der Sekretärin arbeitet sie sich zur Produktionsleiterin hoch, als erste Frau unter acht Männern. Bis 1998 arbeitete sie in diesem Beruf. Heute macht sie, was ihr Spaß macht: Klavierspielen, Gedichte schreiben, Märchen erzählen, Gitarre spielen, singen und „ein Lächeln pflanzen“.
Alte Menschen sind für mich Experten des Lebens, weil sie alle Facetten desselben kennen und einen wertvollen Schatz an Erfahrung besitzen.














Hallo Frau Zimmermann,
es ist schön und sehr ermutigend, dass Sie Ihre Zeit so geniessen können. Nächsten Sommer habe ich meine Rentenzeit erreicht und werde sie und mein Leben täglich feiern.
Viele liebe Grüße
Franziska Eulberg
Guten Tag, Frau Zimmermann,
ein wunderschönes Plädoyer für das Alter. Wenn man das liest, bekommt man Lust darauf, alt zu werden. Da ich in einem Seniorenheim arbeite (in der Verwaltung), bekomme ich täglich mit, dass es leider nicht immer so schön ist. Aber wenn ich dann mitbekomme, wie manche dann wieder “werden wie die Kinder”, dann denke ich, hat das für diese Menschen bestimmt auch etwas schönes.
Sich gehen lassen, sich fallen lassen, ich habe gearbeitet, jetzt sollen es die anderen tun … das höre ich auch oft.
Ja, Angst vor dem Alter muss nicht sein.
viele Grüße
Birgitta Bahner