« Die Pflege alter Menschen geht alle an Warten aufs Ende ist mir zu wenig! »

Paulines Opa und OmaAls kleines Mädchen waren meine Großeltern für mich die Größten. Sie konnten alles, wussten alles, hatten immer Zeit für mich. Sie schienen nur dafür da zu sein mir spannende Geschichten zu erzählen, mir selbst gebackenen Kuchen  zu verfüttern und mit mir zu basteln. Je älter ich wurde, desto realistischer wurde mein Weltbild. Die Welt – und damit auch meine Großeltern – wurde entzaubert. Heute, mit 20 Jahren, sehe ich sie mit anderen Augen.

Damals eröffnete mir mein Opa neue Welten. Er gab mir eines seiner alten Bücher und entzifferte die mir völlig fremden Zeichen der Frakturschrift. Er brachte mir sogar bei, diese selbst zu lesen. Mit Omas Hilfe wurden aus einem gescheckten Badehandtuch zwei allerliebste Stoffhasen, Hoppel und Moppel.

In der Schule lernte ich dann so schnell neue Sachen in Mathematik, dass mein Opa mir nicht mehr jede Frage auf Anhieb beantworten konnte. Ganz zu schweigen von den technischen Neuerungen, mit denen ich aufwuchs und die mich von meinen Großeltern entfernten: Handy, Computer, Internet, MP3-Player, DVDs, …

Ich wollte nicht, dass ihre Kräfte nachlassen

Miit Opa und Oma im Musem

Miit Opa und Oma im Musem

Ich war vielleicht 13 Jahre alt, als ich mir wünschte einfach wieder Kind sein zu können, mich in die Arme meiner perfekten Großeltern zu werfen und nicht wissen zu müssen, dass sie – so wie alle anderen Menschen auch – sterblich waren. Ich wollte nicht sehen, dass ihre Kräfte nachließen. Meine unermüdliche Oma sagte nun immer wieder nach dem Essen, dass sie sich erst einmal ausruhen müsse. Mein Opa bewegte sich langsamer, er sah und hörte schlecht und ließ sogar meine Oma ans Steuer beim Autofahren.

Unser Alltag könnte unterschiedlicher nicht sein

Heute bin ich 20, mein Opa ist 93 Jahre alt und meine Oma 85. Sie pflegt ihn und ich bewundere sie beide dafür. Er sitzt im Rollstuhl und ist beinahe blind. Er ist krank, braucht regelmäßig Bluttransfusionen. Unser Alltag könnte nicht unterschiedlicher sein. Jede Aktion wie beispielsweise die Krankengymnastik, muss im Voraus geplant werden. Für jeden Handgriff muss genug Zeit eingeplant werden.

Ihr Lob ist immer noch größte Anerkennung für mich

Ich bin mittlerweile eine viel beschäftigte Studentin. Hier in Hauptstadt, wo ich studiere, muss immer alles schnell gehen. Wenn ich dann sonntags mit meinen Großeltern in Norddeutschland telefoniere, muss ich mich ermahnen langsam zu sprechen, damit mein Opa mich versteht. Aber auch heute noch bestätigen meine Großeltern mich immer wieder bei dem, was ich tue. Sie freuen sich, wenn ich von einer gelungenen Hausarbeit erzähle oder wenn ich ihnen berichte, dass ich einen Praktikumsplatz gefunden habe. Und für mich ist so ein Lob die schönste Anerkennung, die es geben kann.

Ähnliche Erfahrungen mit ihren Großeltern macht auch die 17-jährige Julia. Sie beschreibt das im Blog ÜberLebensKünstler unter der Überschrift “Opa, erzähl von früher“.

Pauline FleischmannPauline Fleischmann

ist 20 Jahre alt und studiert Philosophie und Biologie in Berlin.
Alte Menschen sind für mich Experten fürs Leben, weil sie einen unschätzbaren Erfahrungsschatz haben.

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4 Kommentare zu “Meine perfekten Großeltern”

  1. Irla Wulf sagt:

    Hallo!
    Ich habe sieben Enkel zwischen 23 und 7 Jahren. Ob ich eine perfekte Großmutter bin, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß es sowas wie eine Lernpartnerschaft gibt. Von den “Großen ” lerne ich z. B. mailen und chatten- und dadurch vieles, was sie so denken und welche Träume und Pläne sie haben. Wenn sie von mir was lernen wollen, warte ich in der Regel, bis sie mich fragen. Das tun sie: Oma, wie war das während der DDR- Zeit mit der Stasi? Kannst du uns was von der Wende erzählen? Darf ich dich für ein Thema in Reli befragen? Wie sah bei euch der Alltag aus, als du Kind warst? Und vieles mehr.
    Von den paarweise auftretenden Siebenjährigen lerne ich, wie es an einer freien Schule zugeht, was alles erforscht werden muß, die Lust auszuprobieren…
    Alle sieben haben ein bissel gelernt, warum auch mal Geduld wichtig ist (z.B. beim Töpfern).Alle wissen, daß ich viel lese. Wir geben uns gegenseitig Empfehlungen und tauschen Bücher aus. Drei meiner Enkel leben 500 km weit weg. Wenn wir uns sehen, ist es für mich ein Fest. – Ich denke, daß sie alle wissen: Ich stehe zu mir und meinem Alter, und ich bin immer noch mindestens so neugierig wie sie.
    Irla Wulf, die Töpferoma

  2. Benno sagt:

    Liebe Pauline,
    nur drei meiner Großeltern habe ich kennengelernt, und leider sind sie alle recht schnell hintereinander gestorben als ich noch zur Grundschule ging. Aber bis heute sind mit der Erinnerung an sie bestimmte Sinneseindrücke verbunden – der Duft der billigen Zigarrenstumpen der Großvaters, das liebevolle Gesicht meiner rundlichen einen Oma, und der einzigartige Geschmack des Schweinebratens meiner anderen, dürren, Oma.
    Es bleibt, auch weil es kaum Fotos gibt, wenig, aber das Wenige ist deshalb umso kostbarer. Alle Enkel sind deshalb, meine ich gut beraten, wenn sie dafür sorgen, dass sich viele Eindrücke sammeln und “festsetzen” lassen. Sie sind eine wichtige Brücke in die eigene Vergangenheit und die der Familie, die eben weiter zurückreicht als die Geburt.

    ALLES LIEBE!
    Benno

  3. Marianne sagt:

    Liebe Pauline,
    hier meldet sich eine Omi, die sehr glücklich über ihre 6 Enkelkinder ist!
    Da ich nur mit meiner Mutter großwurde (mein Vater blieb im Krieg), vermisste ich meine schon gestorbenen Großeltern sehr.
    Dafür bin ich heute glückliche Großmutter, die versucht, ihren Enkelkindern das zu geben, was ich damals vermisste.
    Ich wußte nicht, dass man Enkelkinder so sehr lieben kann!
    Also können Sie sich sehr geliebt und beschenkt
    fühlen!
    Marianne

  4. Martin sagt:

    Liebe Pauline,
    eine sehr schöne Geschichte, die mich echt rührt. Sie erinnert mich auch an meine Großeltern. Ich habe sie geliebt und als Kind auch angehimmelt, weil ich bei ihnen geborgen war. Schön, dass es auch anderen Menschen so geht.
    Martin

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