Mit Ausnahme von Fronleichnamsprozessionen bin ich noch nie auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren. Das Bahnprojekt Stuttgart 21 hat das geändert. Zuerst waren es laut Zeitung nur die Alten, „die sich dem Fortschritt in den Weg stellen wollten“. Dann kamen Tausende aus allen Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten, aus Stadt und Land nach Stuttgart. Sie protestierten, weil sie bei diesem Riesenprojekt nicht nur nicht gehört, sondern abgemeiert wurden. Der Protest war wichtig für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft – und die Alten haben einen wichtigen Beitrag geleistet.
Wer in Rente ist, hat nichts zu befürchten, wenn er seine Meinung offen zu einem Projekt äußert, das gewählte Abgeordnete entschieden haben, ohne darüber hinreichend informiert gewesen zu sein und bei dem erst viel später die tatsächlichen technischen und finanziellen Bedingungen bekannt wurden. Wer dagegen noch in Ausbildung oder im Beruf steht, ist mehr gefährdet, dass man ihm so etwas übel nimmt und er die Konsequenzen tragen muss. Umso erfreulicher ist es, dass sich auch junge Menschen am Protest beteiligen.
Das Projekt hat die Bürgerschaft der Stadt gespalten. Viele alte Menschen mussten auf junge Menschen und Polizisten beruhigend einwirken, wenn diese voller Emotionen aggressiv zu werden drohten. Andererseits kommen Bürger einander näher: eine Ansteckplakette ist das Erkennungszeichen. In der U-Bahn lächelt man sich zu, diskutiert und beim Abschied zeigt der Daumen nach oben.
Ziviler Ungehorsam fand, von wenigen Ausreißern abgesehen, in seiner besten Form statt. Zu einer festgelegten Uhrzeit eine Minute lang Krach machen, dann absolutes Schweigen zum Gedenken an das Projekt und als Mahnung gegen mögliche Konfrontationen. Die Demonstranten beseelte der Wunsch, dass nicht blind ein Projekt weiterverfolgt wird, das früher vielleicht gut gemeint, inzwischen aber von der Realität überholt und zum absurden Monster geworden ist. Ein Projekt, das hauptsächlich Investoren und anderen Profiteuren dienen soll. Junge und Alte wollten, dass das Projekt vom emotionalen auf ein sachlich fundiertes Niveau mit einer nachvollziehbaren Kosten-/Nutzenanalyse zurückgeführt wird. Konstruktiv miteinander streiten war der Wunsch, deshalb auch die Schlichtung.
Die Bürger auf der Straße einte, dass sie mit ihren Argumenten von den gewählten Volksvertretern ernst genommen werden wollen. Sie sind nicht mehr bereit, vollmundige Sprechblasen zu so einem Riesenprojekt als Gegenargumente zu akzeptieren. Die Protestmärsche, an denen zig Tausende teilgenommen haben, sind – mit wenigen Ausnahmen – friedlich verlaufen. Es ist mehr als berührend, wenn sich Gegner im Protest gemeinsam auf Plätzen treffen, dort miteinander essen und trinken und ihre Meinungen austauschen.
Mein Resümee: Durch den Protest wächst eine neue Bürgergesellschaft zusammen. Unabhängig davon, wie das Projekt endet, kann dieser Protest einen Beitrag für eine solidarischere und tolerantere Gesellschaft leisten. Und noch etwas habe ich erkannt: Mit alten Menschen zusammen geht es eben besser.
Anton Dietenmeier
ist 76 Jahre alt und seit seiner Pensionierung ehrenamtlich engagiert. Der gelernte Ingenieur arbeitete bei einem Frühstückstreff für Obdachlose mit und begleitete Schulabgänger bei der Suche nach einer Lehrstelle. Er ist im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft der Angehörigenvertretungen in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung in Baden-Württemberg e.V.
Alte Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben, weil sie, basierend auf ihren gemachten Erfahrungen, immer wieder bereit sind Neues hinzuzulernen und Unnötiges abzulegen.













