« Der traurige Abschied vom Ich Neue Seiten an den alten Eltern »

Gertrud Mäder mit ihrer Mutter auf dem SofaWeihnachten 2007 war es so weit: Meine Mutter konnte nicht mehr alleine leben. Lange Jahre hatten wir es als Familie mit Haushaltshilfe und Pflegedienst geschafft, dass sie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben konnte. Doch nun war das nicht mehr möglich. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten war klar: Es geht nicht mehr ohne regelmäßige Hilfe. Nun kam die große Herausforderung für die Familie. Wie schaffen wir die Pflege zuhause?

Die ganze Familie war gefordert

Als gelernte Krankenschwester war ich hier natürlich besonders gefragt. Da ich meinen Beruf aufgrund einer chronischen Schmerzerkrankung nicht mehr ausüben konnte, verfügte ich auch über mehr Zeit als meine Geschwister. Gemeinsam fanden wir eine gute Lösung für unsere Mutter. Eine Schwägerin sorgte für den Haushalt, ein Bruder erledigte die Finanzen, ein anderer Bruder war der Techniker. Er installierte zum Beispiel ein eigenes Hausnotrufsystem. Andere übernahmen Fahrdienste, Ausflüge, Besuche und vieles mehr. Ich war für die Pflege zuständig und alles, was damit zusammenhing.

Egoismus und Ungerechtigkeiten statt Dankbarkeit

Gertrud Mäder mit Mutter auf dem BalkonUnser Anliegen war, der Persönlichkeit und den Gegebenheiten unserer Mutter gerecht zu werden – auch an ihrem Lebensende. Sie sollte liebevoll und in Geborgenheit aus der Familie gehen können. Doch dieser Anspruch brachte auch mich bald an die Grenze der Belastbarkeit. Meine Mutter forderte mich sehr. Dazu kam, dass sie in ihrer Krankheit und ihrem Gebrechen oft ungerecht und egoistisch wurde. Es blieb mir nichts anderes übrig, als immer wieder in den Diskurs mit ihr zu gehen, um mich bei der Pflege nicht völlig aufzugeben. Ja, ich musste mich ihr gegenüber auch immer öfter widersetzen.

Erfüllung durchs Loslassen

Besser ging es mir und ihr erst, als es uns gelungen war, uns gegenseitig gehen zu lassen. Inzwischen sehe ich in dieser Haltung eine große Chance für den, der aus diesem Leben gehen muss, aber auch für mich selbst – für alles, was in meinem Leben noch so passiert oder auch nicht passiert. Diese Erfahrungen haben mich stärker gemacht.

Gertrud Mäder

lebt im Dreisamtal bei Freiburg. Die 50-Jährige engagiert sich bei IspAn, der Interessenselbstvertretung pflegender Angehöriger. Sie ist überzeugt: Angehörige haben etwas zu sagen und wollen gehört werden. Die gelernte Krankenschwester bringt ihre Fachlichkeit in die Gruppe ein und freut sich, so trotz chronischer Erkrankung und beruflicher Einschränkungen an der Gesellschaft teilhaben zu können.

Alte Menschen sind für mich Expertinnen und Experten fürs Leben, da es nicht selbstverständlich ist alt zu werden und somit jeder seine ureigene Strategie und Stärke  entwickelt hat, dieses Leben zu meistern mit allen Schwierigkeiten die es aufzubieten hatte. Wir können viel von ihnen lernen.

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • MySpace
  • TwitThis

7 Kommentare zu “Pflege der Mutter: Zwischen Leid, Last und Dankbarkeit”

  1. Christina sagt:

    Ich helfe gerne, aber ich fühle mich alleingelassen!

    Oft lese ich Schicksale, die mich sehr berühren. Und ich weiß verdammt, was es heißt für die Mutter und auch den Vater da zu sein. Ich möchte Euch Allen einmal meine derzeitige Situation schildern.
    Ich habe im Juli 2008 meine Arbeit und meinen Wohnsitz für meine Eltern aufgegeben, denn meine Mutter kränkelte schon des öfteren und normale alltägliche Aufgaben konnte sie nicht mehr alleine ohne Hilfe bewältigen.
    Meine Eltern wohnen im Eigenheim, ich beschloss den Dachboden für mich auszubauen, um in ihrer Nähe zu sein und um überall zu helfen soweit es geht.
    Doch es kam ganz anders. Wiedermal ist unsere Mutter (76) zusammengebrochen. Wiedermal kam sie ins Krankenhaus, doch wie immer tat man was man eben so in diesem Alter macht, hochpeppeln und wenns halt geht, wieder nach Hause.
    Sie hatte nebenbei Gewichtsverlust, nach energischen Nachfragen und zögerlichen Antworten bei Ärzten kam die Wahrheit heraus, Streukrebs.
    Ein Schock für alle. Nun stand ich da, ich war beim ausbauen, bin dann 4 Monate lang fast jeden 2. Tag ins 65 km entfernte Klinikum gefahren, nebenbei kochte ich täglich und kümmerte mich um Vatern, der schon zum größten Teil auf viele Hilfen angewiesen war.
    Es war für mich eine fürchterliche Situation, ich war um diese Zeit völlig ratlos, ich mußte mich viel belesen und Informationen nebenbei einholen, ständig gab es neue Umstände. Ich war um diese Zeit arbeitslos, brauchte Zeit für den Ausbau. Zum Glück hatte ich eine bekannten der mich auf 420 Euro basis krankenversicherte, leider konnte ich nach dem Ausbau kaum noch nebenbei arbeiten(nähen).
    Nachdem meine Mutter nach 4 Monaten Krankenhausaufenthalt nach Hause konnte, hatte ich kaum noch Zeit für mich.
    Meine Mutter bekam vorerst die Pflegestufe I, aber sie lebte nur noch ein halbes Jahr, danach fraß sie der Krebs auf, das war im Mai 2009. Mein Vater sein Zustand verschlechterte sich zunehmend. Im August 2009 mußte er ins Krankehaus, ab diese Zeit geht es nunmehr rein und raus.Laufen kann er nun absolut garnicht mehr, liegt nur noch im Bett herum und wartet bis seine Zeit ran ist. Jetzt ist er schon fast 4 Monate zu Hause und es geht recht gut.
    Ich habe mir in diesem Jahr erlaubt ihn für 3 Wochen in die Tagespflege abzugeben, da ich nun auch mal endlich Urlaub haben muß.
    Aber, ich habe noch 7 Geschwister, einjeder ist anders. Ein Bruder geht fast jedes Wochenende auf dem Friedhof unsere Mutti besuchen, und ist sauer dass die anderen nur ab und an auf dem Friedhof gehen. Seit den Aufenthalt in der Tagespflege läßt sich nunmehr dieser Bruder sich nicht mehr bei unseren Vater sehen. Wie krank ist das? ich könnte noch vieles mehr aufschreiben, aber dann werde ich hier nicht mehr fertig.
    Das eigentliche Problem ist. Ich bekomme immernoch monatlich 500 Euro Pflegegeld von meinem Vater. Was zum Leben und zum Sterben nicht reicht. Ich habe lange nicht darüber nachgedacht, weil ich viel zu viel mit unseren Vater beschäftigt bin, man hat sprichwörtlich nur noch funktioniert.Ich habe zwar den Pflegedienst 3 mal täglich hier zum waschen und windeln, aber für alles andere stehe ich alleine da. Mein Auto finanziere ich selbst, obwohl ich es überwiegend für mein Vater seine Erledigungen benötige.Was kann ich tun, um meine Lebenssituation zu verbessern? Ich habe einen ca 13 h Tag, ich fühle mich von den anderen Geschwistern total allein gelassen, und ich bin ersthaft beim überlegen, ob ich mein Vater ins Heim abgebe.Er hat seit einigen Monaten eine Magensonde und eine Sauerstoffgerät. Noch habe ich auf dem Arbeitsmarkt Chancen eine Arbeit zu bekommen, ich bin jetzt 45 Jahre, was ist wenn mein Vater noch 5 Jahre oder länger lebt? Niemanden interessiert es, niemand fragt, von was ich lebe, wer meine Krankenversicherung zahlt.
    Oft ziehe ich mich abends zurück und heule mich aus, oft frage ich mich wofür und wielange halte ich noch durch?

    Ich wünsche allen Pflegenden viel Kraft!
    Herzlichst, Christina

  2. Marie sagt:

    Was wiegt am schwersten, bei der Pflege der Eltern – meist ist es die Mutter? Vielleicht ist es das, was im Beitrag unter der Überschrift “Egoismus und Ungerechtigkeit statt Dankbarkeit” geschildert wird. Andererseits haben wir uns als Kinder unseren Eltern gegenüber auch nicht immer als dankbar erwiesen für all die Liebe, auch die Opfer – oder? Und wir erleben bei den eigenen Kindern genau das gleiche. Oder?

    Was mich schmerzt, vor allem, bei der Pflege meiner demenzkranken Mutter, ist der Verlust an Mutterliebe, der Verlust dieses ganz besonderen Gefühls von Zugehörigkeit und Geborgenheit, das in der Kindheit Wurzel und Nährboden war für mein Hineinwachsen in das Leben. Wenn meine Mutter mir entgegenschleudert: “Du bist nicht meine Tochter!”, dann weiß ich zwar, dass die Person, die das sagt, nicht mehr meine Mutter ist. Trotzdem weine ich äußere und innere Tränen.

    Ein Weg, mit dieser täglichen Konfrontation umzugehen, ist das Schreiben. In meinem Weblog http://www.mariemastide.wordpress.com verarbeite ich die Tageswunden…. Und ich erlebe, wie hilflos die Umwelt, auch die professionelle, dieser Situation gegenüber steht. Denn alle Hilfe, nicht nur daheim, sondern auch durch Pflegekräfte, in ASZs oder anderen Einrichtungen, kann nicht angewendet werden, wenn die Betroffene dies auch wünscht oder zulässt… Hier kommt noch einiges auf uns und unsere Kinder zu. Trotzdem, @Zukunftsangst: schnell sterben wollen ist keine Lösung, denke ich.

  3. ich habe 5 jahre meinen stiefvater rund um die uhr gepflegt,ich war sehr einsam ,denn ich war allein,besuche blieben aus ,es ist einfach niemand mehr vorbeigekommen ,die gesellschaft wollte nichts mehr von uns wissen .schade ,denn irgendwann braucht doch jeder mensch einmal hilfe .wir wurden ausgegrenzt,wir wurden gemieden .ich bin altenpflegerin und muss leider feststellen ,das alte und kranke in dieser gesellschaft keine lobby haben.

  4. ich bin immer da sagt:

    Also – ich habe eine klare vereinbarung mit meiner Mutter ( wird 9o Jahre) – wann immer etwas ist-sie kann immer anrufen – auch in der nacht (was auch schon notwendig war). Dazu besteht ein Hausnotruf,welcher für alle eine Erleichterung ist. Sie lebt in ihrem kleinen Reihenhäuschen mit Garten glücklich und zufrieden – und ist erstaunlicherweise noch topfit. Sie hat allerdings einen ganz klaren Wunsch geäußert: Sollte sie nicht mehr für sich alleine sorgen können möchte sie in einen Seniorenstift. Ihre Worte: Da könnt ihr mich jederzeit besuchen! Ich bin mir allerdings mit meiner Schwester einig-DAS geschieht erst dann,wenn es nicht mehr anders geht.
    Zu dem Werbespot im TV möchte ich nur sagen:
    Mir läuft es jedesmal kalt den Rücken runter,wenn ich ihn sehe. Kinder,die sich in der Realität so verhalten wie in diesem Werbespot gezeigt (Enkeltochter kennt den Opa nicht)- diese Kinder sollten sich in Grund und Boden schämen

  5. Jahrelang gepflegt sagt:

    Ich kann den Kommentar von Zukunftsangst SEHR gut verstehen, auch ich habe, seit ich meine Mutter gepflegt und bis zum Tod begleitet habe, ANGST vor dem alt werden und auch sterben. Meine Mutter ging nicht leicht, es war ein insgesamt 6-wöchiger Kampf mit Crescendo am Ende von 8 Tagen Todeskampf. Ich lebe allein mein ganzes Leben bis auf kurze Stationen mit Partner, seit dem Erlebnis kann ich mich nicht mehr gedanklich von dem allen trennen, habe Angst vor dem Leben und Sterben und schleppe diese Last immer mit mir herum. Aber auch ich werde, so wie Zukunftsangst, meinen eigenen Schluss setzen, ich gehe in kein Heim und will auch nicht “auf Raten” sterben. Das alles ab 50 besser wird ist auch eine blöde Lüge… der Körper fängt an einen im Stich zu lassen, Gebrechen stellen sich ein und man kann nur erahnen, wie es jemandem über 70 oder 75 gehen mag. Nein danke. Kein bedarf. Auch unsere Familie hat sich einen Dreck drumm gekümmert oder geholfen, jeder muss für sich sorgen … so ähnlich geht’s bei uns. Geschwister habe ich keine, nur andere Verwandte – Onkel, Tanten u. Cousins. Außser meine kleinen Fortschritte im Zusammenspiel bei der Pflege meiner Mutter zu sabotieren, haben die aber nix zustande gebracht!

  6. Zukunftsangst sagt:

    Ich habe Angst, wenn der Tag kommt wo meine Mutter mich braucht. Ich liebe sie und sie weiß ich werde sie nicht allein lassen, auch wenn da noch Brüder sind. Meine Mutter hat sich, seit sie in Rente ist nur noch um sich selbst gekümmert, selten war sie für mich da. Meine Kinder habe ich (bis heute noch) alleine erzogen, der Mann schufftet seit Jahrzehnten um den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Mutters kurze Besuche in den letzten 30 Jahren haben mir wenig Hilfe gebracht. Sie hat ihre Rente in vollen Zügen genossen, ich bin seit 30 Jahren nur für die Familie da und es ist kein Ende abzusehen. Alle haben ihren Weg gefunden, doch mir fehlt der Familiezusammenhalt. Jeder macht sein Ding, doch jedem geht es so gut, dass er den anderen nicht wirklich braucht, das tut mir weh. Ich mache mir keine Illusionen, dass meine Kinder mich einmal aufnehmen werden, wenn ich nicht mehr kann. Ich werde in einem (kostengünstigen) Altenheim landen und wenn ich dann gehe, werden alle innerlich aufatmen, dass diese Last vorbei ist und dann kann deren Alltag weiter gehen. Ich hoffe, der liebe Gott hat ein einsehen und holt mich schnell zu sich, wenn es so weit ist. Wenn nicht, werde ich solange ich bei Verstand bin, einen Weg finden zu gehen. Denn wenn ich sehe, was in den Altenheimen los ist, möchte ich nicht leben. Ich bin 50!

  7. Das Los von Frau Mäder teilen viele pflegende Angehörige. Im Wissen um den Abschied aus der Familie werden viele Menschen (nicht nur Senioren – auch Menschen im “Mittelalter” in schwerer Krankheit lebend) frustriert, enttäuscht und erkennen den guten Willen hinter jeder liebevollen Handlung kaum noch.

    Wenn dann ein erhöhter Betreuungsbedarf des Betroffenen zusätzliche Spannungen durch Scham und dem Gefühl der eigenen Machtlosigkeit weiter verstärkt, sind viele Familien enttäuscht ob der Reaktion des Betroffenen.
    Frau Mäder zeigt den Ausweg: “Besser ging es mir und ihr erst, als es uns gelungen war, uns gegenseitig gehen zu lassen.”

    Unsere Erfahrung zeigt zudem, dass eine Entspannung der Verhältnisse oft schon dadurch auftritt, dass Pflegekräfte die pflegerische Versorgung übernehmen. So bleibt der Familie mehr qualitative Zeit und dem betroffenen Senioren (in diesem Beispiel) werden Schamgefühle in der Familie genommen – und gleichzeitig Liebe, Hinwendung und Zuneigung offensichtlicher.

Hinterlasse eine Antwort