« Das Alter ist ein Glücksfall Sex, Drugs and Rock’n’Roll im Altenheim »

Alte Frau blickt zum Pfleger (c) © Alexander Raths fotoliaIn Deutschland hat sich – fast unbemerkt von der Öffentlichkeit – eine Drei-Klassen-Medizin etabliert: Privatpatienten, Kassenpatienten, ältere Patienten. Sie erhalten nicht immer die Leistungen, die ihnen laut Gesetz zustehen. Sie sind einem Gesundheitssystem ausgeliefert, das sie mehr und mehr außen vor lässt. So entschied Ende April letzten Jahres eine Paderborner Amtsrichterin, dass Senioren kein Anrecht mehr hätten auf ein Gebiss, das den ganzen Tag hält. Ein 72-Jähriger hatte sich geweigert, eine Zahnarztrechnung von 1.750 Euro zu bezahlen, weil ihm das Gebiss nach spätestens zwei Stunden immer wieder aus dem Mund fiel. Die Richterin sah darin keinen Mangel und meinte, dass der Betroffene in diesem Alter nicht mehr darauf angewiesen sei, die Prothese den ganzen Tag zu tragen. Zwei Stunden hielt sie in seinem Alter für angemessen.

Manchen kosten die Einsparungen das Leben

Dieses Gerichtsurteil spiegelt die Einstellung unserer Gesellschaft gegenüber Älteren wider: ein Werteverlust, der sich auch in Krankenhäusern zeigt: alles muss schnell gehen, alles soll wenig kosten. Fallpauschalen regeln, wie viele Tage man bleiben darf. Das spart Geld. Ob Ältere länger als Jüngere brauchen um wieder gesund  zu werden, spielt dabei keine Rolle.

So sollte ein älterer Mann wenige Tage nach einem Herzinfarkt direkt vom Krankenhaus in die Rehabilitation verlegt werden. Weil keine Kostenzusage da war, wurde er nach Hause entlassen. Da er zum Gehen noch zu schwach war, nahm seine Frau ein Taxi und setzte ihren Mann dort mit Hilfe des Taxifahrers in einen Sessel. Als sie mit seinem Bettzeug kam, war er tot. Er hat die zu frühe Entlassung nur eine Stunde überlebt.

Der Alte stirbt doch sowieso

Auch Leistungskürzungen sind heute bei Älteren häufiger geworden. Wie oft hört man in einem Krankenhaus den Spruch: „Das lohnt sich doch nicht mehr. Der stirbt doch sowieso.“ Mit dieser Einstellung, die tief in vielen Köpfen verankert ist, werden Älteren Therapien und Medikamente versagt, die Jüngere ganz selbstverständlich bekommen hätten.

Hinzu kommt die mangelnde Pflege in Krankenhäusern und Pflegeheimen, weil zu wenig Personal da ist. Das Ergebnis: Viele ältere Patienten sind unterernährt und dehydriert, weil ihnen niemand beim Essen und Trinken hilft. Viele werden mit Magensonden zwangsernährt, um den Zeitaufwand für die Hilfe beim Essen einzusparen. Ein große Anzahl Älterer wird mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Viele werden mit Gurten an Rollstühlen und in Betten fixiert – oft ohne Notwendigkeit oder richterliche Erlaubnis.

Die Gesundheit der Gepflegten spielt kaum eine Rolle

Das belegt auch eine im Sommer 2009 veröffentlichte Pflegestudie des Instituts für Rechtsmedizin des Hamburger Universitäts-Klinikum Eppendorf: Die Untersuchung von mehr als 8.500 Leichen zeigte, dass viele ältere Menschen vor ihrem Tod in einem miserablen Gesundheits- und Pflegezustand waren: Jeder zweite alte Mensch war schlecht ernährt, eine beträchtliche Zahl litt unter Druckgeschwüren und einem desolaten Gebiss. Viele sind einsam und allein gestorben; ein Drittel unter sehr schlechten hygienischen Verhältnissen.

Ursula Biermann

Ursula Biermann (c) privatist mehrfach ausgezeichnete freie Wissenschaftsjournalistin für die ARD und den Deutschlandfunk. Die in Freiburg lebende Autorin veröffentlichte 2009 im Herderverlag das Buch „Der Alte stirbt sowieso“. Für ihre Beschreibung des „alltäglichen Skandals im Medizinbetrieb“ erhielt sie den Preis der Wolfgang-Fichtner-Stiftung. Dieser geht an Menschen, die Missstände aufdecken.
Lesen Sie weiter: Systematische Vernachlässigung der Alten in einem der reichsten Länder der Welt.

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2 Kommentare zu “Wie die Medizin alte Menschen (nicht) behandelt”

  1. Aigner Johann sagt:

    Bisher hatte ich zwei Pflegedienste beauftragt, zahllose Gutachter kamen. Von keiner Stelle wurde ich hinsichtlich der Hilfsmittelversorgung beraten und viele Pflegedienste wollen sich damit gar nicht beschäftigen, dass die Pflegebedürftigen korrekt versorgt werden. Weder Verbandsstoffe, Desinfektionsmittel, Bettunterlagen, Einwegwaschhandschuhe, Spritzen oder Salbe werden besorgt und bereitgestellt, onwohl monatliche Kosten übernommen würden. Nur die Mühe mit der Ausbildung des Pflegepersonals will sich niemand machen und so bleiben die Pflegebedürftigen unversorgt. Von mehr als 30 Krankenkschwestern konnte keine einzige Fachkraft einen Kompressionsverband richtig anlegen! Wundverbände und Desinfektionsfreiheit sind unbekannte Begriffe.

  2. Wir müssen uns selbst und als Gesamtgesellschaft die Frage stellen, was wir uns im Alter Wert sind.
    Machen machen wir unseren Wert am Alter fest, oder gilt Artikel 1 des GG unabhängig vom Alter?
    Müssen wir vielleicht den Grundgesetzartikel ändern?

    Sollte es ein Antidiskriminierungsgesetz bezogen auf das Lebensalter eines Menschen geben?

    Ich glaube, wir sind erst am Anfang einer dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskussion.
    Nur Diskutieren müssen wir, wir müssen uns dem Thema stellen bevor wir nichts mehr zu diskutieren haben, weil die Entwicklung uns überrollt.

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