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pflegen & begleiten

Ein zahnloses Lächeln wird zum Segen

Geschrieben von Bernhard Kraus am 18. Januar 2010
Schlagworte: , , | 3 Kommentare

Alter Mann im Bett - (c) Andrew Gentry - Fotolia

Mich beschäftigt die Erfahrung einer Mitarbeiterin der Demenz-Wohngruppe: „Wenn ich total im Stress bin und nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht, setze ich mich zu Herrn R., berühre vorsichtig seine Hand und warte, bis er mich mit großen Augen anschaut und sein zahnloser Mund zu lächeln beginnt. Ich lächle zurück, es wird in mir ruhiger und ich schöpfe neue Kraft.“
Herr R., 89 Jahre alt, fast völlig hilflos, im Endstadium der Demenz angekommen, seit mehr als zwei Jahren kann er keinen verständlichen Satz mehr sagen. Jetzt ist er einfach da, liegt in seinem Bett oder wird im Rollstuhl zu den anderen geschoben.

Ganz im Jetzt leben

Ich frage mich, welche „Botschaft“ verkörpern Menschen mit Demenz für uns „Orientierte“? Was teilen sie uns ohne Worte über das Leben mit, das uns niemand sonst sagen kann? Vielleicht dies: Ganz im Jetzt leben. Ohne Nachtragen des Vergangenen und ohne Sorgen um das Kommende. Verstand ist längst nicht alles. Unverstellt Gefühle zeigen. Mit Grenzen leben und von der Sorge anderer abhängig sein. Eigensinn bewahren, solange es irgendwie geht. Sich langsam immer mehr aus dem Leben zurückziehen, ein Sterben in vielen kleinen Schritten. Sich freuen können. Anerkennung, Wertschätzung, Trost suchen – aber das suchen wir doch alle …

Menschen mit Demenz von ihrem Leid erlösen?

Diese Gedanken im Kopf, machen manch öffentlichen Diskussionsbeitrag fast unerträglich: „Ein solches Leben ist doch sinnlos, wertlos.“ „Nur noch Last für Angehörige und uns alle.“ „Er ist nicht mehr der Mensch, den ich einmal geheiratet habe. Ich kenne ihn nicht mehr.“ „Ist er überhaupt noch ein Mensch?“ „Ich kann Alzheimerkranke nicht sehen. Sollte man sie nicht von ihrem Leiden erlösen?“ „Bevor ich verrückt werde, bringe ich mich lieber um.“

Das unbegreifliche Geheimnis behüten

Zurück zur gestressten Mitarbeiterin und ihrer heilsame Unterbrechung. Was würde sie zu solchen Urteilen sagen? Wahrscheinlich nicht viel. Vielleicht würde sie erzählen: Da sind Menschen, die ein unlösbares Rätsel, ein unbegreifliches Geheimnis sind. Und ich bin dafür da, dieses Geheimnis zu behüten; Menschen, die von vielen längst abgeschrieben sind, in ihrer Einzigartigkeit zu achten, sie in die Mitte meiner Aufmerksamkeit zu nehmen. Herr R. spürt, was mir fehlt und was mir gut tut. Sein Lächeln hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte von erfahrener und weitergegebener Freundlichkeit. Wie gelingt es ihm nur, mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern?

Menschen mit Alzheimer auf Augenhöhe begegnen

In den Worten der Bibel lege ich dazu: Von diesem alten, hinfälligen Mann geht Segen aus. Wir haben teil an diesem Segen, wenn es gelingt, ihm auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn ich seine vielfachen Einschränkungen übersehe und spüre, was in ihm heil ist, was seine Seele mit meiner Seele verbindet. Kostbare Begegnungen, bei denen mich das Geheimnis des Lebens innerlich anrührt. Keine Worte, nur ein Moment stummer, wechselseitiger Anteilnahme, in dem ein Funke zwischen Menschen, die in unterschiedlichen Welten leben und doch am gleichen Tisch sitzen, überspringt.

Bernhard Kraus

Bernhard Krausleitet das Seniorenreferat der Erzdiözese Freiburg. Der Theologe und Pädagoge arbeitet ehrenamtlich in einer ambulanten Wohngruppe für Menschen mit Demenz.

Alte Menschen sind für mich Experten fürs Leben, denn sie können sich damit anfreunden, dass ihr Lebensweg viele überraschende und oft auch schmerzliche Wendungen genommen hat.

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3 Kommentare zu “Ein zahnloses Lächeln wird zum Segen”

  1. Braun Rasierer sagt:

    Das Thema Demenz ist auch bei uns zur Zeit ein heißdiskutiertes Unterfangen. Ganz richtig schlau wird man daraus ja auch nicht wirklich, wenn man nicht den direkten Draht zu diesen Menschen aufbauen kann. Sehr schöner Beitrag Herr Kraus.

  2. Hermann-L. Trautmann sagt:

    Was ich gerade gelesen habe ist so wie man einem Engel begegnet. Diese Menschen geben uns immer mehr zurück als sie erhalten.
    Ich werde dabei immer an meine verstorbene Frau erinnert,(Mir laufen die Tränen in die Tastatur)sie starb im Aug.letzten Jahres. Drei Jahre pflegte ich sie. Zum Schluss als kein Muskel, keine Kommunikation mehr möglich war weckte ich sie morgens in dem ich meine Nasespitze umdie ihre kreisen lies, ganz zart: Und dann ….ja dann, gingen ihre Augen langsam auf und ein liebes, fast verklärtes Lächeln lief über ihr Gesicht. Giebt es ein größeres Geschenk ?

  3. Lieber Bernhard Kraus,

    das schreibst Du schön:
    Segensreich ist es zu spüren, was die Seele des alten weltverlorenen Mannes mit meiner Seele verbindet.

    Vielleicht gelingen diese Seelen-Begegnungen mit Menschen, die in Demenz leben, besser als mit uns Orientierten: unsere Seele ist oft schwerlich zu finden hinter unserem vordergründigen, wichtigtuenden Verstand.
    Vielleicht sind die Begegnungen deshalb so kostbar, weil wir endlich mal unsere eigene Seele spüren?

    Kathrin Pläcking

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